Texte
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Die Beschreibung bleibt bei der Oberfläche, die Interpretation kann in die Tiefe dringen, aber die Tiefe ist unauslotbar, weil die verwendeten Codes Bestandteile eines poetischen Vokabulars sind - und die poetischen Metaphern sind bekanntlich nie eindeutig. So ist jedes der Gemälde Tanja Vetters als ein Schnittpunkt zu verstehen, in dem das Rationale und Intuitive, das Einheimische und Exotische, Objektmäßiges und Subjektgebundenes, Archetypisches und Privates, Ornamentales und Fundamentales aufeinandertreffen. Diese Bilderschrift ist grenzenlos: sie kann sich nach allen Richtungen hin entwickeln, ausweiten und fortsetzen wie eine endlose Geschichte. Es handelt sich um eine Malerei des Vollzugs. Dabei verweigern die Arbeiten dem Betrachter die Bildanekdote und stellen ihr den Ausdruck durch die Form gegenüber. Sogar in dem Zyklus mit Kindermotiven bleibt wenig vom Bildinhalt übrig, so dass weder die Örlichkeit noch die Personen, noch deren Tätigkeiten eindeutig bestimmbar sind.
Die Figuren sind existent und zugleich merkwürdig zurückgenommen in ihrer Existenz. Sie verschmelzen mit den ornamentalen Mustern des Bildgrundes und werden dadurch weitgehend entrealisiert. Von dem Umraum geht nichts Drohendes aus, in seiner Abgeschlossenheit gegen die Aussenwelt scheint er vielmehr die Personen zu beschützen, ohne dass ein Gefühl der Beengung oder des Bedrückenden aufkommt. Dieses Streben, den Bildraum auf die Fläche zu beziehen oder ihr sogar unterzuordnen, wird erreicht durch die einheitliche ornamentale Behandlung von Rückwand und Boden, die das Hinten und das Vorne zusammenschliesst und dem Tiefenzug der Gegenstände entgegenwirkt, so dass an manchen Stellen der Eindruck entsteht, Hintergrund, Figur und Raum lägen in einer Ebene. Verunklärt wird durch diese Verwendung des Ornamentalen der Raum oder umgekehrt: das Ornamentale hilft der Malerin, Raum in der Fläche darzustellen. Folglich setzt Tanja Vetter das Ornamentale nicht nur bei den Objekten ein, die selbst bereits Objektträger sind, sondern sie fügt an allen noch nicht gefüllten Stellen ornamentale Muster ein, ohne dass diese eindeutig gegenständlich erklärbar sind.
Das Prinzip der Reihung verzichtet bewusst auf ein Zentrum: von Rand zu Rand wird der Bildraum mit Zeichen, Emblemen, Arabesken, floralen Mustern und Symbolen besetzt. In diesem puzzle- ähnlichen Bildaufbau finden sich regelmässig Zeichen, die sowohl auf real Gesehenes verweisen können als auch rein assoziativ einen widersprüchlichen Kommentar zum Abgebildeten darstellen können. Zur mehr skripturalen Gestaltung gesellen sich ornamentale Muster, farbige Ornamente, lasierende Farbfelder oder prämorphe Zufallsformen. Hier zeigt die Künstlerin Malbravour, reflektiert oder zitiert mehr oder weniger direkt die Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts (Farbfeldmalerei, die Pattern & Decoration Art, die aleatorischen Spuren des Informel).
Eine zusätzliche Semantisierung erfährt die Auseinandersetzung mit dem malerischen Raum durch die Technik der Transparenzmalerei. Die Malerin schichtet bildnerische Motive verschiedener Herkunft übereinander und gelangt zu irritierenden Raumbildungen, in denen buldnerisches Geschehen und transparente Oberfläche eigentümlich widerstreiten.
Werner Marx
Kunsthalle Mannheim